Deutschland:
eine Kraft zum Guten
Veröffentlichte in Die Freie Welt
05. Februar 2015

Gastbeitrag von William Toel
Deutschland – eine Kraft zum Guten  
05. Februar 2015, 11:17 | Kategorien: Allgemein, Politik | 

Deutschland muss seine Prioritäten und Kräfte wieder darauf konzentrieren, eine Kraft zum Guten in der Welt zu werden,  ein Friedensstifter und Brückenbauer – der in die Fußstapfen der schwindenden USA tritt.

Deutschland muss jetzt eine Kraft zum Guten nutzen.


Trotz der anhaltenden Forderungen an Deutschland, sich unablässig für die Rettung Europas einzusetzen, liegt eine solche Aufopferung nicht im deutschen Eigeninteresse. Im Gegenteil: für Deutschland ist es an der Zeit, aus Eurozone und Euro-Mentalität auszusteigen und sich stattdessen auf die Vielzahl von neuen Herausforderungen zu konzentrieren, wo Deutschlands einzigartigen Fähigkeiten gebraucht werden und willkommen sind. Natürlich, muss sich Deutschland weiter um Frieden und gute Handelsbeziehungen zu seinen europäischen Nachbarn bemühen, aber: es muss seinen strategischen Fokus weiten.

Es wäre selbstzerstörerisch und unnötig, wenn sich Deutschland bei seinem künftigen Engagement in der Welt weiter die Last der europäischen Institutionen auferlegt. Niemand hat Deutschland aufgefordert, der Zahlmeister Europas zu sein oder gar als geprellter Hausherr weiterhin über ein höchst disfunktionales Gebäude zu wachen. Dieses Verhalten ist vielmehr selbst auferlegte Sühne. Deutschlands Pflicht, wie auch die aller anderen souveränen Staaten, ist es aber, zuerst auf die langfristigen Interessen seiner Bürger zu schauen. Und ebenso ist es Deutschlands Pflicht, die herausragenden Gaben und Talente seiner Bürger zu nutzen, um als positives Beispiel voranzugehen.


Jahre der intensiven wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Deutschland haben mich zu folgenden Schlussfolgerungen kommen lassen:


1.    Das »Deutsche Modell« ist in seinem weitesten Sinne von allen weltweit angewendeten Modellen das beste. (Das „Deutsche Modell“ ist ein Begriff, der oft dem ehemaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt zugeschrieben wurde. Er steht für das politische, ökonomische und soziale System, das in Deutschland betrieben wird. Deutschland ist eine hoch organisierte Gesellschaft, die durch stumme Kooperation zusammengeflochten ist. Das Modell wird kontinuierlich – oft in sehr kleinen Schritten – verbessert – in einer sehr deutschen Art.)


2.    Das Modell geht aus einer sehr einzigartigen Weltsicht und Eigenschaften der Deutschen hervor.


3.    Das Modell ist am effektivsten, wenn es von Deutschen organisiert und in Gang gebracht wird.


4.    Es produziert bei konstant hoher Qualität genau die Menge an Produkten und Dienstleistungen, die gebraucht wird.


5.    Es ist aus sich selbst heraus – und durch seine kontinuierliche Verbesserung – beständig und trotzt auch größten Widrigkeiten.


6.    In seiner effektivsten Form ist das Modell innerhalb Europas nicht zu gebrauchen. Es gibt zu viele Erinnerungen, Eifersüchteleien und kaum verborgene Animositäten, die alle zu einer Aversion oder gar zu Feindseligkeiten gegenüber einer deutschen „Einmischung“ führen.


7.    Meine Forschungsergebnisse zeigen, dass junge Deutsche einerseits wissen, dass ihr System ihnen einen gewissen Grad an sozialer Sicherheit bietet, aber ihnen andererseits nicht erlaubt, das Leben in seiner Gänze auszukosten. Zwei Beispiele: 1.) die meisten jungen, intelligenten Deutschen wären versucht, die amerikanische Staatsbürgerschaft anzunehmen und ein Leben in den USA zu führen, wenn man ihnen dies in einem einfachen Paket anbieten würde – sie glauben also, dass das Leben anderswo besser ist. 2.) die Mehrheit der jungen Deutschen haben nicht das Gefühl, dass die starke Position ihres Landes einen ausreichenden Schutz gegen die wachsende Zahl von Herausforderungen und fadenscheiniger Ansprüche bietet.


Wenn die genannten Punkte den Tatsachen entsprechen, dann sind dies die notwendigen Schritte, die Deutschland tun muss:


1.    Deutschland muss koordinierte Schritte tun, um seinen effektiven und verantwortungsbewussten Institutionen wieder Geltung zu verschaffen. Die Mittel und die Infrastruktur hierfür sind gegeben. Zuallererst wird hierfür eine starke und unabhängige Bundesbank und die Wiedereinführung einer eigenen deutschen Währung notwendig sein. Dies muss entschlossen angegangen werden, wenn man nicht will, dass Spekulation den an sich sicheren Erfolg zunichtemacht. Andere Institutionen müssen ihre unterstützenden Rollen wieder aufnehmen: Rollen, die sie vor der Einführung des Euro sehr gut ausfüllten. Beachten Sie, dass man mögliche Austritte aus dem Euro nicht länger als Desaster betrachtet, wie man es noch vor zwei Jahren tat.


2.    Außenpolitisch muss ein umfassender und koordinierter nationaler Plan entwickelt werden, wie das deutsche Modell an denjenigen Orten außerhalb von Europa implementiert werden kann, wo deutsche Hilfe gewollt und gebraucht wird - und wo dies langfristig in Deutschlands Interesse liegt. Es muss durch eine effektive und breite Prioritätensetzung gefestigt werden, was Deutschlands Unternehmen schon seit Jahren in einer begrenzten wirtschaftlichen Größenordnung geschaffen haben. In seiner neuen Rolle darf sich Deutschland nicht länger an die alte Mentalität des kalten Krieges zu klammern, die da hieß „wir gegen die“, z.B. Nato gegen irgend eine Art von russischem Block, der Westen gegen den Osten oder halbherzige „Mitgliedschaft“ in US-Koalitionen, die für wirtschaftliche Dominanz und gegen Feinde kämpfen, die zum Teil real, zum Teil aber nur eingebildet sind. Dies sind überholte und abgedroschene Diskurse. 


3.    Deutschlands neue Rolle in der Welt ist es, seine ausgewogenen Ansichten zusammen mit international vorhandenem Wohlwollen zu nutzen, um die alte, polarisierende Weltsicht aufzulösen und – in einer Art Schiedsrichterfunktion – eine neuen Ära der Kooperation einzuleiten: eine unmögliche Aufgabe mit 27 anderen Nationen innerhalb der Europäischen Union. Es sei bemerkt, dass es heute keine Lösung für den hartnäckigen Konflikt zwischen Israel und Palästina gibt. Vielleicht kann es – in einer Art ironischer Wendung der Geschichte – das »Deutsche Modell« sein, das hier eine Antwort bereithält. Innenpolitisch muss der Fokus auf eine offene, direkte und transparente nationalen Diskussion gelenkt werden, die die öffentliche Aufmerksamkeit auf die neuen Möglichkeiten lenkt: Betonung der Tat anstatt der Sicht nach innen. Bei dieser Diskussion geht es nicht darum, dass Deutschland Europa „den Rücken kehrt“. Geographie ist wichtig, aber, sie ist nur eine Facette. Jetzt geht es darum, sich von Systemen zu lösen, die das Alte kontrollieren und aufrechterhalten und sich hinzuwenden zu einer Vision, die diese Systeme erneuern und in neue Wege hin zu neuen geographischen Konzepten lenken.


Deutschlands virulenteste Gegner mögen einwenden, das Land habe seine moralische Autorität durch die Rolle in zwei Weltkriegen für immer verloren und somit jegliches Recht auf weltweite Bedeutung verwirkt. Aber: Es ist allgemein bekannt, dass langwierige Groß-Konflikte durch logistische Dominanz gewonnen werden. Es sind nicht notwendigerweise (nur) die besseren Ideale, die Kriege entscheiden. Alle Sieger erheben den Anspruch auf das allgemeine Gute als Motiv und Produkt des Krieges. Doch in Anbetracht ihrer moralischen Autorität und Zuverlässigkeit in den letzten 70 Jahren müssen sich die Deutschen vor niemandem mehr verstecken. Sie haben sich das Recht und die Aufgabe einer weltweiten Vision „verdient“. Es ist Zeit für Deutschland, die schüchterne Rhetorik der Entschuldigungen hinter sich zu lassen und die Verantwortung für seine Talente und Stärken zu übernehmen.


Viele werden sagen, dass das oben Geschilderte zu drastisch sei, um überhaupt bedacht zu werden, und dass es unweigerlich zu Chaos und katastrophalen Ergebnissen führen werde. Zu diesem Einwand ist dreierlei zu sagen: 


Erstens: Es wird weiterhin Einigkeit und Kooperation in Europa geben, auch wenn man um gewisse Anpassungen nicht umhin kommen wird; kleinere und harmonischere Gruppierungen werden entstehen. 


Zweitens: 3500 Jahre Geschichte lehren, dass es die undenkbaren Dinge sind, die eintreten, während die Dinge, die absehbar erscheinen, ausbleiben. Die menschliche Natur bringt in langen Perioden des Überflusses oder der Abhängigkeit Gesellschaften hervor, die fett, faul und selbstgefällig sind. In diesen Phasen fließt die Mehrzahl der gesellschaftlichen Kräfte in die Erhaltung des Status Quo. Selbst „Experten“ aller Disziplinen werden zunehmend davon abhängig und treffen Prognosen, die die Erhaltung des Ist-Zustandes als erstrebenswert erscheinen lassen. Nur solche Voraussagen sind förderlich für Ruf und Lebensunterhalt. Dies führt zu einer immer risikoaverseren Gesellschaft, die schließlich an dem Versuch, das Unerhaltbare zu erhalten, zugrunde geht. 


Drittens; Angst und Liebe sind Motive menschlichen Handelns. Liebe braucht Zeit und Vertrauen. Angst ist eine Abkürzung - und war über die Geschichte hinweg stets das sicherste Mittel, um Debatte über notwendige Veränderungen zu verhindern. Es ist die reißerische Angst- und Katastrophenrhetorik, zusammen mit den überspitzten Labels, die diesem rechtmäßigen Dissens angeheftet werden, die dafür sorgen, dass eine Debatte nicht in dem Maße stattfindet, wie sie für eine weitreichende und positive Veränderung notwendig wäre.


Nichts wäre heilsamer für Deutschland, als sich von den endlosen Konflikten, Erpressungen und unfruchtbaren Anstrengungen in Europa zu befreien. Die Welt eines Deutschen wird heute vom endlosen Wiederdurchleben des Vergangenen bestimmt; von einer Umlenkung von Ressourcen und Aufmerksamkeit. Dies ist nicht aufrechtzuerhalten: Der endlose innere Kampf, der den fokussierten Blick auf Künftiges, auf Äußeres und nach vorne versperrt. Ein fortschrittliches Deutschland muss nach vorne blicken und handeln.


Deutschland wird die vielfältigen Möglichkeiten verantwortungsbewusst nutzen. Das Herz ist bereit, es braucht nur eine mutige Führung.


Deutschlands Zukunft liegt nicht nur in Europa.

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